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Zoë: From Zero To Hero

Loin d'iciNoch vor dem ersten ESC-Semifinale hatten weder Buchmacher noch Journalisten den österreichischen Song „Loin d’ici“ am Radar. Wenn es nach den Wettquoten gegangen wäre, hätte Zoë den Finaleinzug verpaßt und wäre am Mittwoch wieder heimgefahren.

Erstens kommt es anders und zweitens wenn sie singt. Noch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch haben die Wettquoten ordentlich angezogen. Statt irgendwo zwischen Platz 20 und Platz 30 liegt Österreich nun in den Top 10: Platz 9, Tendenz weiter steigend.

Noch schöner allerdings ist etwas ganz anderes: Zwar ist der Sieg beim Eurovision Song Contest eine Sache, die sich gut im Lebenslauf eines Komponisten macht. Wirklich bringen tut er aber nichts außer einer Umarmung von Måns Zelmerlöw (naja, das ist schon was) und einer Trophäe in Form eines Mikrofons: Es gibt kein Preisgeld. Verdienen tut man als Teilnehmer nach wie vor an den Downloads und CD-Verkäufen, die der Auftritt vor 200 Millionen Zusehern natürlich ordentlich ankurbeln soll - so der Plan.

Diese Verkäufe setzen normalerweise erst nach dem Finale so richtig ein. In Schweden, dem heurigen Auge des ESC-Hurrikans, ist die Sache aber anders. Die Fans dort kaufen die Songs jetzt schon. Weil die klassische Apple-Zielgruppe und die ESC-Hardcore-Fans weitestgehend deckungsgleich sind, kann man die schwedischen iTunes-Charts als glaubwürdigen Indikator betrachten. Und die sehen derzeit so aus:

Außer Konkurrenz, aber immer noch im Rennen:

  • Platz 44: „Heroes“, Schweden 2015

¹) Frankreich hat seinen Beitrag 2x in den Charts, in einer englischen Fassung und im zweisprachigen Original. Beide Fassungen in Summe liegen also besser als Platz 55.

Mit einem Wort: Die Kassen im Hause Straub (Komponisten sind Zoë und ihr Vater Christof) klingeln derzeit lauter als die von Dimitris Kontopoulos und Philip Kirkorov, die den derzeitigen Buchmacher-Favoriten komponiert haben. (Zumindest bezüglich der Verkäufe in Schweden.)

Bedeutet das etwas für Samstag? Wird Zoë die neue Conchita? Nein. Zwar war bei Conchita 2014 wirklich exakt der gleiche Effekt zu beobachten: Die Quoten lagen noch eine Woche vor der Show im Keller und gingen erst nach dem ersten Semifinale nach oben. Allerdings hatte das alles damals eine völlig andere Dimension: Die Buchmacher hatten sie bald auf den ersten Plätzen, nicht nur gerade mal so in den Top 10. Und während Zoë beim Semifinale unbestreitbar eine der begeistertsten Publikumsreaktionen hervorgerufen hat, ist damals bei Conchita schlicht das Hallendach weggeflogen, weil die Leute so hingerissen waren. Aber, wie gesagt, unterm Strich kommts darauf nicht an. Unterm Strich muß die CD vermarktet werden. Und das scheint zu gelingen.


ESC 2016: Semi 1 durchwachsen

Zoë beim ersten Semifinale Grab your towels, it's time to come together! Mit dieser schlüpfrigen Anspielung auf das durchaus zweideutige Motto des heurigen Eurovsion Song Contest eröffnete die unvergleichliche Petra Mede die Show. Nun: So viel Gelegenheit, die Handtücher dann auch zu benutzen, ergab sich in den anschließenden zwei Stunden gar nicht. Tatsächlich gehörte die Moderation mit den eingebauten „Europe“- und „Final Countdown“-Gags schon zu den wenigen Höhepunkten des Abends.

Das Negative zuerst: Rausgeflogen sind mit Bosnien & Herzegowina, Island, Griechenland und San Marino gleich vier Länder, die ich persönlich gern ein zweites Mal im Finale gehört hätte. Ein zweites Mal hätte ich sie unter anderem deshalb gern gehört, weil sie dem gräßlichen Trend des Jahres 2016 etwas entgegenzusetzen hatten: der kalten, seelenlosen, glattgebügelten Stimmbandakrobatik. Dafür sind im Finale die zwei Songs, die von mir die wenigsten Punkte erhalten haben: Malta mit dem unerträglichen „Walk On Water“ sowie Aserbaidschan mit der uninspirierten Meterware „Miracle“. Auch Kroatien (ebenfalls weiter mit „Lighthouse“) ist nicht wirklich mein Liebling, wurde aber von mir nicht ganz so schlecht bewertet wie Malta und Aserbaidschan.

Ganz schlimm: Der vertrottelte Einfall der ARD, rund 25% des Bildes mit irgendwelchen (ohnehin kaum lesbaren) Social-Media-Einblendungen zu verdecken. Das ging so weit, daß man von der Tanzperformance während des Telefonvotings nur den Bühnenhintergrund sah. Die Körper der Tänzer wurden vollständig von den überflüssigen Inserts verdeckt. Wer immer dafür verantwortlich ist, hat morgen seinen Schreibtisch zu räumen. Unfähiges Pack.

Ebenfalls übel: Das Ergebnis spiegelt zu 90% die Wettquoten wider. Abgestimmt wurde fast genau so, wie es die Wettquoten vorhergesagt haben. Übel ist diese Übereinstimmung mit den Wettquoten deshalb, weil sie dem Wettbewerb natürlich viel von seiner Spannung nimmt. Der einzige Ausreißer ist - Österreich! „Loin d'ici“ hat sich entgegen aller Vorhersagen ins Finale geschwindelt. Das Bauernopfer dafür war Island, das die Buchmacher eigentlich sehr sicher auf dem 6. Platz des heutigen Abends gesehen hätten. Und mit Österreich und „Loin d'ici“ finden wir eine schöne Überleitung zu den positiven Seiten des ersten Semifinalabends:

Ja, ich gebs zu, ich hab mich für Zoë gefreut. Zwar mag ich den Song immer noch nicht besonders. (Erinnert sich noch jemand? Ich konnte auch „Rise Like A Phoenix“ nicht leiden.) Im Umfeld des ersten Semifinales aber war er wie eine wohltuende Wärmelampe nach einem kalten Wintersturm. Die leichte Fröhlichkeit, das Sich-Nicht-Kümmern um den Zeitgeist, das unbefangene Tralala zwischen Heulbojen und Musical-Dramas - das hat mich für einen Moment verstehen lassen, warum die Fans in Stockholm den Song so lieben. Ja, das Straub-Mäderl ist verdient weiter. Und natürlich macht so ein Song-Contest-Finale auch mir mehr Spaß, wenn man von Wien aus nicht nur als unbeteiligter Zaungast zusieht. :)

Wirklich schön am Ergebnis: Zypern ist weiter. Auch wenn kein Mensch dem Song „Alter Ego“ auch nur einen Platz in der ersten Hälfte zutraut, sind sie doch meine heimliche Liebe heuer. Genauso freue ich mich natürlich über Russland mit „You Are The Only One“, obwohl der Finaleinzug von Sergei Lasarew nun wirklich niemanden überrascht hat.

Weiter gehts am Donnerstag mit dem zweiten und deutlich schwächeren Semi. Wenn die Buchmacher auch da so treffsicher sind, erwartet uns da ein Overkill an langweiligen Heulbojen. Spannend werden könnte nur, ob die Ex-Großmacht Irland die Qualifikation schafft: Nick Byrne steht mit seinem Song „Sunlight“ nämlich quotentechnisch ebenso an der Kippe wie Zoë heute.