Jolla: Gewitterwolken
Seit der Jahresmitte stehen die negativen Nachrichten allerdings im Vordergrund: Die Auslieferung des Tablets hat sich verzögert und läuft erst seit Oktober in kleinen (bzw. kleinsten) Tranchen. Die Mitbegründer, Gesichter und Seelen der Firma, Marc Dillon und Stefano Mosconi, haben das Unternehmen im September verlassen. Eine angekündigte Trennung in ein Software- und Hardware-Unternehmen fand nicht statt. Gestern nun ist die vorläufig letzte Bombe geplatzt und wurde heute per Presseaussendung bestätigt:
Jolla steckt in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. Die für November vorgesehene Finanzierungsrunde konnte nicht abgeschlossen werden, Schulden aus 2014 wurden fällig gestellt, es fehlt an allen Ecken und Enden. Ich kenne das finnische Recht nicht, aber wenn ich die Presseaussendung richtig lese und übersetze, dann sind sie nicht einfach nur knapp bei Kasse, sondern mitten im Sanierungsverfahren. Im Dezember wird mit einem (wie es heißt: vorübergehenden) Stellenabbau begonnen. Gleichzeitig laufen die Bemühungen für eine Restrukturierung an.
Die Nachricht kommt insofern überraschend, als Jolla (im Gegensatz zu anderen Unternehmen der Branche) vom grundlegenden Konzept her als langfristig defizitäres, strategisch vielleicht irgendwann nützliches Unternehmen aufgestellt war. Niemand, der seit der Gründung im Jahr 2011 Geld in die Firma investiert hat, hat kurzfristig Gewinn erwartet. Einfach gedachte Erklärungsversuche wie „Die Verkäufe konnten die Kosten nicht decken“ greifen also nicht: Das war im Business-Plan nie vorgesehen. Zumindest nicht für 2015.
Mir fallen nur zwei Dinge auf, aus denen sich unter Umständen Erklärungen ableiten lassen:
Erstens natürlich das zeitliche Zusammentreffen der finanziellen Probleme mit dem Abgang der Vorstände Dillon und Mosconi. Kann sein, daß die beiden das Sinken des Schiffs vorhergesehen und sich rechtzeitig abgeseilt haben. Kann aber auch sein, daß man bei Jolla selbst erst im Sommer Probleme aufgedeckt hat, für die Dillon und Mosconi Verantwortung tragen. Daß ein Teil der nun fällig gestellten Forderungen gegen das Unternehmen zum Beispiel „vergessene“ Lohnnebenkosten betrifft, die schon 2014 abzuführen gewesen wären, kann auf Fehler in der Administration zurückzuführen sein.
Zweitens hat Jolla in den letzten zwei Jahren erstaunlich oft die grundlegende Unternehmensstrategie geändert und angeblich „fixe“ Partner verloren. Zuerst wollte man ja den chinesischen Markt bedienen - das Konzept der „Other Half“ geht auf den dortigen Wunsch nach Individualisierung zurück. Ein Vertriebsvertrag mit der chinesischen Kette D.Phone war angeblich unter Dach und Fach - verkauft wurde das Gerät dort aber nie. Später erfolgte dann der Schwenk auf regionale Lösungen mit Vertriebspartnern, denen Sailfish OS mehr Zugang zum Endkunden versprach als z.B. Android. In Indien soll diese Idee gemeinsam mit Intex realisiert werden - falls Intex jetzt noch dabei bleibt. Gleichzeitig wurde intensiv an der Ausrichtung als Betriebssystem für sicherheitsrelevante Anwendungen gearbeitet. Der Vertrag mit SSH und die Annäherung an die russische Regierung waren Ergebnisse dieser Strategie. Möglich, daß hier ein Schwenk zu viel war, daß zu viel Geld und Zeit in Konzepte investiert wurde, die ein halbes Jahr später nicht mehr erfolgversprechend erschienen.
Ich wünsch mir jedenfalls, daß sie's irgendwie doch noch dawurschteln. Es wäre einfach zu blöd, ausgerechnet jetzt zu „sterben“, wo der Höhepunkt der Entwicklung so greifbar scheint: die Verselbständigung des Betriebssystems, das erste fremde Handy mit Sailfish OS. Ich wünsche vor allem den von den Kündigungen betroffenen „Sailors“, daß sich alles zum Guten wendet. Einige von ihnen kenne ich ja entweder von online-Foren oder persönlich, die haben eine solide Karriere in diesem Geschäft redlich verdient.
Und wenns nix mehr wird: Fünf Jahre durchzuhalten, zwei Geräte rauszubringen, monatlich ein Update fürs Betriebssystem, das alles mit ca. 100 Mitarbeitern … auch das ist eine Leistung. Niemand hätte es für möglich gehalten, daß man mit so wenigen Mitarbeitern ein eigenes Betriebssystem, ein Handy, ein Tablet und eine Entwicklungsumgebung für Programmierer auf den Markt bingen kann. Das ist grundsätzlich mal nichts, wofür man sich schämen müßte.


