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Mamma Mia! Was für eine Nacht …

Ana Milva Gomes in Mamma Mia! Das Christkind hats gebracht, der Osterhase hats umgetauscht und wir habens genossen: rund 2½ Stunden allerfeinster Unterhaltung im Raimundtheater. „Mamma Mia!“ Eine herausragende Produktion, gekrönt von einer wirklich außergewöhnlichen Hauptdarstellerin: Ana Milva Gomes ist so unglaublich genial, sie hat es geschafft, das Publikum noch während ihrer Interpretation von „Der Sieger hat die Wahl“ zu lauten Beifallskundgebungen hinzureißen. Das hab ich in meiner Karriere als Musical-Fan noch nie erlebt. Aber auch sonst paßt und sitzt in dieser Produktion jedes Detail. Das ist Musiktheater!

Wer ungefähr erahnen will, warum „Mamma Mia!“ seit 1999 überall auf der Welt die Häuser füllt, muß sich nur das Publikum des heutigen Abends ansehen: Mein größter Schock gleich zu Beginn waren die 12-14jährigen Schüler (Wienwoche?), die man busweise angekarrt hatte und die vor Beginn der Vorstellung von ihren nervösen kleinen Lehrerinnen mehr schlecht als recht unter Kontrolle gehalten wurden. Gottseidank wurden die recht bald in den ersten und zweiten Rang gestopft. Neben uns im Parkett Herren im besten Alter, die ihre Mütter ausführten … herzige Seniorenpärchen … vom Leben gezeichnete Vorstadtkinder jenseits der 50 … schicke Gören Mitte 20 mit ihren langweiligen Begleitern … alles war da. Wirklich alles.

Zu behaupten, daß alle im Publikum das Stück in gleicher Weise genossen hätten, wäre falsch. Genau das passiert bei „Mamma Mia!“ nicht. „Mamma Mia!“ steckt jeden auf eine andere Weise an. Die Dame rechts von mir (vom Sohn ausgeführt) hat dezent das Stofftaschentuch aus der Handtasche geholt, wie Sam auf der Bühne Sophie die Geschichte seiner Scheidung erzählte („Ich bin ich, Du bist Du“). Das Ehepaar hinter mir hat sein Schluchzkonzert begonnen, wie Donna in „Durch meine Finger rinnt die Zeit“ die vielen versäumten Chancen in der Beziehung zu ihrer Tochter Revue passieren ließ. Der gesamte erste Rang hat getobt, wie die schicken jungen Griechen den angehenden Bräutigam Sky zu stampfenden Rhythmen und in eng anliegenden Taucheranzügen zum Polterabend holten. Und die Altersverteilung im Publikum ließ sich auch bei Dunkelheit klar erkennen: Über die Anspielungen von Rosie und Tanja bezüglich ihrer „wilden Zeit“ in den 1970ern haben nur die gelacht, die sich an die heile Welt vor dem Neoliberalismus erinnern konnten.

Ist „Mamma Mia!“ also ein Rührstück? Genau das Gegenteil. Zwar findet so gut wie jeder im Publikum sich in einem der Charaktere und seinem Schicksal wieder, die einen im Brautpaar und seinen Freunden, andere in Donna als Mutter, in Sam als verlassenem Ehemann etc. Diese Identifikationsmöglichkeit hält über die Dauer des Stücks an und bewahrt es davor, ins völlig Belanglose abzudriften. Trotzdem bleibt „Mamma Mia!“ erfrischend oberflächlich im schönsten Sinn des Wortes. Wortwitz und Situationskomik, die herrlich ausgelassenen Tanzszenen der Gruppe rund um Sophie und Sky, das alles läßt die eine oder andere Träne recht bald wieder trocknen. Die Pointen liegen hart an der Gürtellinie, sind aber kindertauglich … und vereinen so tatsächlich den Großteil des Publikums.

War da noch was …? Ach ja, die Musik! :)

Kinders, nicht bös sein, aber das ist der Teil, der mir Gänsehaut macht vor Rührung: Der älteste Song, ders in dieses Musical geschafft hat, ist exakt 41 Jahre alt („Honey, Honey“). Der jüngste, „Under Attack“, hat immerhin noch 32 Jahre auf dem Buckel. Die Kinder im 2. Rang waren vielleicht 12 - und sie haben gebrüllt und gejohlt, daß sie beim Abholen ihrer Sachen an der Garderobe keine Stimme mehr hatten. Ja, Björn Ulvaeus hat die Songs für die Bühnenfassung leicht modernisiert, die Instrumentierung behutsam angepaßt. Aber es sind die Songs aus den 1970ern, aus der Zeit von Donna, Tanja und Rosie. „Honey, Honey“ wurde 1973 geschrieben, um damit für ein paar Wochen Erfolg in den schwedischen Charts zu haben. 2014 wirkt das Lied, als wärs wirklich heuer erst für diese Produktion komponiert worden. Ich kann mir nicht helfen, ich find das genial.

Abgesehen vom begeisterten Mitklatschen während der Songs, vom bereits erwähnten Beifall für Ana Milva Gomes … Wie sehr die Musik von ABBA auch 2014 noch „zieht“, zeigt sich beim Schlußapplaus: Da richten sich die Scheinwerfer in den Zuschauerraum, und wie auf Kommando springen 1.200 Menschen im ausverkauften Raimundtheater von ihren Sitzen und verwandelt das Theater - nein, nicht in eine Disco, das wäre übertrieben, aber doch in ein sehr fröhliches Bierzelt. Geschunkelt und geklatscht wird, ein paar Mutige tanzen in den Gängen … Das sind Szenen, die sich seit 1999 so abspielen nach jeder „Mamma Mia!“ Vorstellung. Das Stück macht die Menschen wohl glücklich für einen Abend. Uns auch. :)