Jolla-Phone: Weihnachtswunder Akku-Laufzeit
Erkenntnis eins: Weihnachtswunder gibt es. Erkenntnis zwei: Die Idee vom wirklich offenen Telefon auf Basis eines Desktop-Betriebssystems hat handfeste praktische Vorteile.
Worum gehts? Jolla bezeichnet sein Betriebssystem „Sailfish OS“ immer noch als Beta-Version. Kanten und Ecken müssen abgeschliffen werden. Erfahrungsgemäß gehts dann erst ziemlich zum Schluß an die Optimierung der Akku-Laufzeit. Genau die ist derzeit noch meilenweit von den auf der Jolla-Homepage angegebenen Werten entfernt, zumindest was die Standby-Zeit betrifft. Zwar hat keiner der wenigen Jolla-Besitzer den Nerv, das Telefon die versprochenen 500 Stunden unbenutzt neben sich liegen zu lassen. Daß aber schon eine Nacht ohne Ladekabel dem Gerät nicht gut tut, hat jeder bemerkt.
In wenigen Tagen waren Test- und Erfahrungswerte zusammengetragen und man hatte einen Schuldigen ausgemacht: Der Teil des Betriebssystems, der beim Wechseln der Rückseite („The Other Half“) nur kurz den NFC-Chip aktivieren und gleich wieder abschalten sollte, scheint fehlerhaft zu sein. Der NFC-Chip bleibt eingeschaltet und und schwächt den Akku um etwa 2% pro Stunde. Dumme Sache, das.
Jetzt könnte man sich als gelernter iOS-, Android- oder Windows-Phone-User zurücklehnen und auf das nächste Update des Betriebssystems warten. Als Besitzer eines Jolla-Telefons weiß man: Das ist alles frei zugänglich, funktioniert auch genauso wie am PC zuhause, also wirds auch selbst gerichtet.
Man muß dazu nicht mehr tun als in der Systemsteuerung den Entwicklermodus aktivieren und ein Zugangspasswort vergeben. Damit wird das Terminal am Telefon selbst installiert und ermöglicht vollen, uneingeschränkten Root-Zugriff aufs gesamte System. (Ist das nicht schön? Ab diesem Moment kann man mit einem einzigen Befehl von der Kommandozeile das gesamte Telefon unbrauchbar machen. Ich liebe es! Erst wenn ichs kaputt machen darf, gehörts wirklich mir! *gg*)
Dann geht man auf die Kommandozeile (eben übers Terminal oder - was ich ganz dringend empfehle, des Tippkomforts wegen - vom PC aus über SSH) und gibt zunächst ein:
devel-su
Damit wird man vom einfachen Benutzer zum Administrator „root“, der auf dem Telefon alles darf. (Schon mal das T-Shirt gesehen mit dem Aufdruck „Ich bin root, ich darf das“? Das kommt genau daher.) Das Passwort, das jetzt abgefragt wird, ist das, das man in der Systemsteuerung eingegeben hat.
Danach stoppt man mit folgendem Befehl den fehlerhaften Programmteil:
systemctl stop tohd.service
Systemctl klingt vertraut? Genau. Jolla verwendet am Handy genau das Paket systemd, das auch auf meinem PC für die Steuerung der innersten Organe des Betriebssystems verantwortlich ist. Daher funktioniert auch systemctl mit seinen bekannten Parametern. Wer damit vertraut ist erkennt, daß der oben angeführte Befehl das service „tohd.service“ (steht übrigens für „The Other Half Daemon“) nur bis zum nächsten Einschalten des Telefons deaktiviert. Das sollte reichen, ausgeschaltet wird in der Regel eh nicht und eine dauerhafte Lösung könnte den unerwünschte Nebeneffekt haben, daß man irgendwann drauf vergißt. Wer die Änderung trotzdem über den Neustart hinweg retten möcht, setzt laut systemctl-Dokumentation ein zusätzliches
systemctl mask tohd.service
ab.
Ich hab von dem Trick gestern im Zug gelesen und habs sofort ausprobiert. Es funktioniert! Erfahrungen anderer Benutzer sind auch positiv und können hier nachgelesen werden. Danke an alle, die da mitgeforscht haben! Jetzt kann Jolla sich mit der Fehlerbehebung Zeit lassen. :)
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