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N900: Neue Firmware 1.3.3 - ohne Nokia

Nicht zuhause nachmachen!

Kinder: Nicht zuhause nachmachen! So geht Euer N900 ganz sicher kaputt.

Fürs Nokia N900 gibt es wieder laufend neue Firmware-Updates. Allerdings: Nicht von Nokia. Wie geht das?

Maemo ist ja doch zu einem großen Teil freie Software. Viele Kernkomponenten, die bislang ausschließlich von Nokia gepflegt wurden, liegen im Quelltext vor. Sie können daher von jedem verändert und verbessert werden - theoretisch. Nokia hat nämlich eine kleine Hürde eingebaut, um jene Programme zu schützen, die es für wesentliche Elemente des Betriebssystems hält. Ein gesundes N900 akzeptiert neue Versionen solcher Programme nur von Nokia selbst, nicht von irgendwelchen Bastlern aus der Community.

Natürlich sind die Bastler aus der Community schlau genug, diese Hürde zu umschiffen. Sie tun es jetzt, da man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen kann, daß kein weiteres Firmware-Update direkt von Nokia kommen wird. (Dieses nach dem inoffiziellen Community-Update einzuspielen könnte nämlich trickreich werden.)

Viel Neues ist (noch) nicht zu sehen … das Projekt befindet sich in der Anfangsphase und konzentriert sich auf den Update-Mechanismus an sich. Letzterer hat bei mir nach dieser Anleitung klaglos funktioniert. (Trotzdem: Das Potential zur Katastrophe ist da. Extras-Devil ist harmlos dagegen. *g*) Kleine, aber lästige Probleme im Mail-Client wurden schon ausgebügelt - dieser Bug zum Beispiel, den ich selbst 2008 (!) gemeldet habe und den Nokia einfach nicht beheben wollte, obwohl der dafür notwendige Code längst geschrieben war. Eine Vorschau auf Dinge, die noch kommen könnten, bietet dieser Blog-Eintrag von Thomas Perl und seine Videos (dieses und dieses). Die bereits erfolgten Änderungen sind im Changelog dokumentiert.

Hey, Stephen, wer braucht Dich denn? Die wilden Kerle von maemo.org übernehmen jetzt das Ruder in Espoo!


Die Zukunft von Qt und MeeGo: Fountains and Rainbows

Stephen Flop hat seinen Deal mit Microsoft auch firmenintern nicht vor 2/11 angekündigt. Die in erster Linie betroffenen Qt- und MeeGo-Entwickler waren ebenso fassungslos wie Konsumenten, Investoren und Medien.

Langsam legt sich der Schock. Tatsächlich sehen einige Beteiligte nun auch Vorteile in der neuen „Strategie“. Im Developer Blog der Qt Labs z.B. findet sich der ausgesprochen lesenswerte Artikel Buckets of (cold) Water. In Anspielung auf Stephen Flops seltsames „burning platform“-Memo steht dort:

It is of course naive to pretend that Qt was not on the burning platform, and that we are not affected by the strategic change. However, I personally like to think of Qt during the last years as the bucket of water that we tried to quench the fires with – and in the end that bucket turned out to simply be too small for such a big task. Now a part of Nokia will gradually move to a different platform for a part of the company’s strategy, and as long as that platform doesn’t burst into flames we might not need Qt to be a big bucket of water again.

That is not a bad thing – because we don’t really like to throw buckets of water at a burning platform if instead we can make breathtaking fountains and rainbows.

Mit einem Wort: Weniger Arbeit in die Modernisierung eines Betriebssystems aus dem Jahr 1998 stecken, mehr Raum für Innovationen haben, das klingt für einen Qt-Entwickler positiv; selbst dann, wenn die Rolle von Qt innerhalb von Nokia in Zukunft deutlich kleiner sein wird als erhofft.

In die gleiche Kerbe schlägt jemand, der sich unter dem Pseudonym lemon_grass in der Vergangenheit als verläßliche Quelle für Insider-Informationen hervorgetan hat. In einem Forum-Posting macht er seinem Ärger Luft: All the Qt R&D time was sucked up by Symbian, schreibt er. Symbian is the OS that was holding up its [Qt; Anm.] release to the outside world. Maemo and linux already had QT grounding. (Nebenbei: lemon_grass ist auch der, der uns verraten hat: Das N900 war tatsächlich schon im Sommer 2009 verkaufsfertig, wie ich hier geschrieben habe. Das Management hat aber den Marktstart um ein halbes Jahr verschoben, um den erhofften Erfolg des N97 (!) nicht zu gefährden.)

Die langjährige Lichtgestalt der Maemo/MeeGo-Community, Quim Gil, wurde von Flops 180°-Wende zwar genauso kalt erwischt wie alle anderen. Aber auch er kann der neuen Situation mittlerweile Positives abgewinnen:

A side effect of the NOK/MSFT collaboration is that there is less pressure on the business requirements and the differentiation of this MeeGo based device - which means that more open and open source approaches are being considered.

Die gemeinsame Aussage: Weniger wichtig zu sein bedeutet auch, mehr Freiräume zu haben. Einzelentscheidungen bezüglich Qt und MeeGo werden in Zukunft (sofern es die Zukunft gibt) vielleicht wieder von Führungskräften getroffen, die Ideen und Leidenschaft haben; nicht von denen, die Business Cases lesen. Tatsächlich war das in der Vergangenheit ohnehin immer so bei Maemo. Meiner Begeisterung für die Modelle aus diesen Jahren hat das keinen Abbruch getan, ganz im Gegenteil.

Kann also jetzt auch ich positiv in die Zukunft sehen? Noch nicht wirklich. Noch ist ja nicht klar, ob Qt und MeeGo überhaupt eine Zukunft haben. Aber: Wir kennen die ursprünglichen Pläne für die Zeit nach dem N900. Sie enthielten weitere Zugeständnisse an einen Markt, der eigentlich keine Smartphones will, sondern nur einfache Feature-Phones als solche bezeichnet. (Schon das N900 war ja gegenüber den N8x0-Modellen etwas eingeschränkt.) 60% der Geräte, die heutzutage als „Smartphone“ verkauft werden, sind überteuerte, einfach gestrickte Media- und Feature-Phones. Hätte Nokia MeeGo in diesen Pseudo-Smartphone-Markt gebracht, wären weitere drastische Einschnitte im Leistungsumfang zwingend gewesen, um mit den sich nach unten nivellierenden Kundenerwartungen mithalten zu können (siehe z.B. die kommende DRM-Unterstützung). Dieser Entwicklung zu entkommen, das ist die neue große Chance: eine Zukunft für MeeGo (und Qt) nicht als die große Plattform am Markt, sondern als High-End Nischenprodukt für Leute mit besonders hohen Ansprüchen; mit Ansprüchen, die nur ein echtes Smartphone befriedigen kann; für Leute wie mich.

Wenns so kommt, bleibt alles beim Alten. MeeGo wird, was Maemo immer war. Und Maemo war perfekt für mich. ;)