Oskar Welzl: Weblog zur Homepage

Web 2.0 Summit: Des Kaiser neue Kleider

Das Web 2.0 Summit in San Francisco liegt hinter uns, und wir sind um zwei Erkenntnisse reicher.

Wirklich aufregend ist, daß Googles Vizepräsidentin Marissa Mayer 17 Jahre nach der Erfindung des World Wide Web mit einer revolutionären Theorie aufhorchen läßt: Benutzer finden ein schnelles Internet besser als ein langsames! Die volle Versuchsanordnung und die Details dieser aufwühlenden Erkenntnis sind in einem Artikel auf ZDNet ausführlich nachzulesen. Gäbe es all diese Fachleute nicht, die sich über „Web 2.0“ ihre Köpfe zerbrechen - wir hätten solche Dinge nie erfahren! Wahrscheinlich wäre Geschwindigkeit nun flugs auch noch zum wesentlichen neuen Kriterium für das sogenannte „Web 2.0“ erklärt worden, wenn nicht… Ja, wenn da nicht Erkenntnis Nummer zwei wäre:

Gleich auf der Homepage zur Veranstaltung wird nämlich plötzlich in entwaffnender Ehrlichkeit beschrieben, worum es bei „Web 2.0“ wirklich geht: business models und business opportunities. Während die uninformierte Fachpresse immer noch die Bedeutung des 2004 vom O'Reilly-Verlag erfundenen Begriffs sucht und selbst Branchenkenner wie Martin Bredl im Zusammenhang mit „Web 2.0“ von einer Technologie sprechen, sagen uns nun O'Reilly und Konsorten ganz unverblümt: Wir haben nur einen schönen neuen Namen für die alten Zöpfe gefunden, damit das Kapital wieder strömt. Zumindest das ist ihnen ja auch gelungen, hauptsächlich deshalb, weil die Journaille sich seit zwei Jahren nicht traut zuzugeben, daß niemand hinter den schönen neuen Begriffen substantielle Inhalte erkennen kann. (Einer der wenigen übrigens, die dies klar zum Ausdruck bringen, ist Tim Berners-Lee, dem ja kaum jemand mangelnde Fachkompetenz unterstellen wird.) Und solange das so bleibt, wird der Kaiser weiter nackt durch die Straßen laufen, bis der erste Kapitalgeber von selbst draufkommt: „Moment mal - der hat ja gar nichts an!“ Dann wird die Blase platzen. Wieder einmal.