Web-2.0-mania Casting
Anyway: Internet (Web 1.0, wohlgemerkt) und Michael Schuster sei Dank konnte ich mir jetzt eines der Highlights als Video-Stream ansehen: Die Podiumsdiskussion „Web 2.0 und Multimedia – Wie verändern Web 2.0 und Social Software die Medien?“. Mit viel Mut und gestärkt von der Gewißheit, daß ich jederzeit den Stecker ziehen kann, habe ich mir dieses … dieses Ding ohne Namen jetzt in voller Länge reingezogen. Es ist ein bißchen wie ein Starmania-Casting: grauenerregend, schlecht und peinlich, aber man kann einfach nicht wegschauen.
Unbestrittener Star war von Anbeginn an Moderatorin Elisabeth „Okayyy“ Gardavsky, die mit „Web 0.2“ und der Frage „Wieviel Breitseite braucht man dafür?“ (gemeint: „Welche Bandbreite …“) mühelos die ganze angetretene Expertenrunde an die Wand spielte.
Rainer Grünwald (Chefredakteur e-Media) hätte mir dann fast ein bißchen den Spaß verdorben: Er hat nämlich gleich in seinem Eingangsstatement Wahrheiten verbreitet, die man unter dem Titel „Web 2.0“ einfach nicht hören will: daß die ganze Interaktivität absolut gar nichts Neues ist; daß das Internet immer schon von allen seinen Nutzern gespeist wurde; daß sich im Usenet bereits „soziale Netze“ gebildet haben, wie die versammelten Web 2.0-Gurus noch in die Windeln geschissen haben. (OK, letzteres hat er ganz so drastisch nicht formuliert, aber doch sehr laut gedacht.) Das ist einfach uncool, aber ur! Nein, da wollten alle schnell weiter. Grünwald durfte daher nur sehr kurz reden und zur Strafe dann lange gar nicht mehr.
Lustiger war schon Michael Rossipal (Gesamtleitung für Multimedia, Verlagsgruppe News). Der war ganz aufgeregt darüber, daß Leute jetzt mit Web 2.0 auch andere Möglichkeiten der Kommunikation mit ihrer Zeitung haben als den Leserbrief. Und außerdem ist an Web 2.0 so richtig arg spannend, daß es keine fixen Erscheinungstermine gibt. Die schreiben da einfach was, und dann ist es online. Sapperlot! Ach ja, und jetzt, im Web 2.0, stellen auch User private Inhalte ins Netz und man kann Urlaubsfotos sehen und etwas über das Hobby lesen. Gottseidank, daß es das früher nie gab, hab ich mir da gedacht. Man hätt am Ende was über mich auf meiner Homepage erfahren.
Typisch öffentlich-rechtlicher ORF: schicken die zu dieser Diskussion doch so einen faden Typen mit Bodenhaftung. Karl Pachner ist noch dazu so lang im Geschäft, daß er schon vor dem Platzen der Dot-Com-Blase an den gleichen Podiumsdiskussionen teilgenommen hat. Behauptet der doch glatt, User Generated Content (wenigstens die Vokabeln du jour hat er gelernt) wäre keine Web 2.0-Erfindung, sondern würde auch „offline“ funktionieren, zum Beispiel in Form der „Ö3ver“ beim Ö3-Verkehrsservice. Er traut sich auch, die Frage nach der inhaltlichen Relevanz der -zig Millionen Web 2.0-Egotrips in den Raum zu stellen. Außerdem rechnet er ständig so lästig rum, ob so Community-/Social-Network-Services denn auf Dauer wirtschaftlich zu führen wären; wer denn für sein eigenes soziales Netzwerk zu zahlen bereit wäre … Trantüte! Langweiliger Realist! Schnell weiter.
Markus Raith von Vorarlberg online hilft, wo er helfen kann. Ich für meinen Teil zum Beispiel kenn mich ja nie aus, was Web 2.0 eigentlich ist. So überhaupt und allgemein. Also die Sache ist jetzt die, sagt Markus Raith: Vorarlberg Online hat von Anfang an immer schon auf den Communitygedanken gesetzt. Und jetzt nennen sie das halt Web 2.0. Und sie haben jetzt auch ein online-Kartenspiel, das ist auch im Web 2.0-Projekt. Und so etwas wie flickr wollen sie jetzt auch machen launchen, obwohl: Auf flickr findet man schon über 4.000 Fotos mit dem tag „Bregenz“. Und das ist schon auch sehr viel. (Ich finde übrigens nur 872 Fotos mit dem tag „Bregenz“ auf flickr - ich glaube halt aber auch nicht an Web 2.0.)
Von knallgrau saß dann noch Dieter Rappold am Podium, der zunächst recht unspektakulär und souverän darlegte, wie der Onlinebereich einen immer größeren Anteil am gesamten Medienkuchen ergattert. Die hypnotische Kraft schöner New-Economy-Worthülsen hat meine Aufmerksamkeit dann aber immer mehr auf seine angenehme Stimme und sein sympathisches Lächeln gelenkt … Ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat. Ich kann nicht so schnell languages switchen, da verliere ich irgendwann auch den trust in den content. Wahrscheinlich bin ich als Mensch für so etwas noch zu sehr „1.0“. (Wer ebenfalls „Mensch 1.0“ ist, kann in diesem Blog-Eintrag fast ohne Newspeak lesen, worum es ihm in etwa ging.)
Wieder eingestiegen bin ich bei Rainer Grünwalds bissiger Erwähnung des Mediums „Telefon 1.0“, über das seine Redaktion nach seinen Angaben immer noch erreichbar ist. Ich bin versucht, es an seinem persönlichen Anschluß zu versuchen. Der Mann hat mir imponiert. Ansonsten wenig Neues am Podium, nur die Bestätigung dessen, was wir bereits vorher wußten: Es gibt kein Web 2.0. Aber es macht immer wieder enormen Spaß, den Fachleuten zuzuhören.
Und: Wer wie ich eine Schwäche für Nachmittags-Talkshows und Reality-TV hat, sollte den Stream ansehen. Kultpotential ist sicher vorhanden.
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