Oskar Welzl: Weblog zur Homepage

Alles und noch mehr



Ike Superstar

Lang hats ja gedauert, bis sich wieder mal ein gemütliches Abendessentreffen mit Herrn Rainer und Herrn Wolfgang ausgegangen ist. Dafür wars die Warterei wert: Unsere Gastgeber haben die Zeit genutzt, um herrliche Grießnockerl, geniales Kalbsbutterschnitzel (mit kongenialem Püree) und eine fluffig-leichte Kaffeebutterkrämtorte zu perfektionieren. Häärrlich wars! Genau das richtige Essen für mich. (Ich mags ja, wenn man nicht mehr so genau sieht, was man da eigentlich beißt. Püree und Faschiertes sind also wie für mich gemacht. *gg*)

Natürlich wars unvermeidlich, daß ein großer Teil der Tischkonversation von den Mühen und Freuden des Lernens bestimmt war. Das gings einerseits um Sprachen (weinende Konsonanten hier und Schututtgart dort), andererseits aber auch um die geheimnisvolle Welt des Cellospiels. Ich hätt mir das ehrlich viel einfacher vorgestellt! Daß man da ohne irgendwelche Tasthilfen praktisch millimetergenau die richtigen Punkte auf den Saiten treffen muß, ist schon ziemlich herausfordernd. Denk ich mir mal.

Natürlich hat es sich der Raini nicht nehmen lassen, nach all der theoretischen Erklärung sein Instrument auch tatsächlich rauszuholen und uns eine Probe seines Könnens zu geben. Dabei mußte der arme junge Mann schmerzvoll erfahren, was man als Bühnenkünstler doch eigentlich längst wissen sollte: Tritt niemals gemeinsam mit Kindern oder Tieren auf!

Zwar hat er die Europahymne am Cello wirklich gut dargeboten (ich bin fast versucht zu sagen „wider Erwarten“ - er hat uns nämlich vorher Höhepunkte seiner Probenarbeit am Handy vorgespielt *LOL*), zwar waren wir vom angenehmen Klang des Instruments wirklich angetan … In Erinnerung bleiben wird aber nicht er, sondern der Hund. Ike ist nämlich, kaum daß Raini sein Cello zwischen den Schenkeln hatte, aufgesprungen und hat sich mit einem letzten, verächtlichen Blick über die Schulter aufs schalltechnisch angenehmere Gästeklo zurückgezogen, bevor noch der erste Ton zu hören war. Könnten Hunde mit den Augen rollen - Ike hätte es in diesem Moment getan. („Nicht das schon wieder!“) Sowas muß man einfach erlebt haben, um es zu glauben. :)

Wir hattens sehr lustig und durften ganz zum Schluß, wie wir aufs Taxi gewartet haben, dem Herrn Wolfgang noch eine völlig neue Erfahrung in seinem eigenen funkelnagelneuen Wohnmobil verschaffen: Daß es nämlich auch in diesem Riesentrumm möglich ist, nicht aneinender vorbei zu kommen. Die Situation scheint bisher nicht aufgetreten zu sein. *LOL*


Buch, Kaffee, Terrasse

Es geht nicht ohne Jacke, aber es geht. (Noch: Morgen und übermorgen solls deutlich kühler werden.)

Der Garten ist viel grüner als beim letzten Mal. Das Wasser pritschelt ins Biotop, in dem die Fische wuseln. Das Tier will partout auf meinem Schoß sitzen, was ich nur kurzfristig erlaube. So beschwert erreiche ich nämlich weder das Kaffeehäferl noch mein Buch.

Kaffee: ziemlich grauslich. Die Dame des Hauses (also die offizielle, nicht das Tier) hat den Meßlöffel verschmissen. Wie man das zsammbringt, ist rätselhaft. Wie ich jetzt ohne dieses Teil Kaffee machen soll erst recht.

Gelesen wird „Nasreddin Hoca'dan En İyi Fıkralar“ - gemütliche Anekdoten, meist nur eine halbe Seite lang. Çok eğlenceli. (Wer den Duft des Essens verkauft, bekommt dafür den Klang des Geldes.)

(Apropos „Dame des Hauses“: Die versteht auf einmal fremd. Auf mein freundliches Hazır kalkmışken bana bir Reindling getirebilir misin? giftelt sie zurück: Hol ihn Dir selber! Sehr gutes Hörverständnis!)


ESC 2017: Neue Wettquoten

Nach dem Ausscheiden der Russin, deren Antreten offenbar ohnehin nie so ganz ernst gemeint war, zahlt sich ein neuer Blick auf die zehn Lieblinge der Buchmacher aus. Seit Mitte März hat sich doch etwas getan in der Liste, auch wenn die ersten drei wie einbetoniert auf ihren Plätzen hocken:
Rang Land Song
    Interpret  
1 Italien Occidentali's Karma
    Francesco Gabbani  
    (Ein hinreißendes Schlitzohr mit einem Affen, eine Melodie in der richtigen Balance zwischen „Ohrwurm“ und „nicht zu langweilig“, ein schlauer Text und eine Choreographie, die auch ich mitmachen kann. (Und: Keine Ballade!))  
2 Bulgarien Beautiful Mess
    Kristian Kostov  
    (Radiotaugliche Ballade mit sympathischen Ethnosprenkeln.)  
3 Schweden I Can't Go On
    Robin Bengtsson  
    (Seelenlos konstruierte, äußerst professionelle Nummer. Passend seelenloser, äußerst unsympathischer Sänger.)  
4 Portugal Amar Pelos Dois
    Salvador Sobral  
    (Nach vielen Jahren endlich wieder Wunderschönes aus dem ansonsten fadogebeutelten Land. Ein naives Märchen zwischen Disney und Audrey Hepburn.)  
5 Belgien City Lights
    Blanche  
    (Zeitgemäßer, charttauglicher Song, der aber leider irgendwo auf halber Strecke hängenbleibt.)  
6 Armenien Fly With Me
    Artsvik  
    (Fesselt von der ersten Sekunden an.)  
7 Australien Don't Come Easy
    Isaiah  
    (Ganz OK. Wenn man Balladen mag. Oder Stimmakrobatik.)  
8 Frankreich Requiem
    Alma  
    (La France, je t'embrasse, je te dis que je t'aime … von der ersten Minute an ein Ohrwurm.)  
9 Aserbaidschan Skeletons
    Dihaj  
    (Da fehlt mir dann doch die Melodie.)  
10 Ungarn Origo
    Joci Pápai  
    („Mal was anderes“ im besten Sinn. Gefällt mir.)  

Verbessern konnten sichs Portugal, Armenien und Frankreich - alle drei gefallen mir sehr gut, ich gönns ihnen. :) Wir haben einen Neueinsteiger: Ungarn hats mit seinem doch eher ungewöhnlichen Lied in die Top 10 geschafft. Nicht mehr ganz so gut wie vor einem Monat stehen Belgien, Australien und Aserbaidschan da. Wobei: Was heißt „nicht gut dastehen“, sie sind in den Top 10. Österreich liegt auf Platz 34 von (mittlerweile nur mehr) 42.


Die Russin ist raus

Rums! Da warens nur noch 42. Das Reich Putins hat die Teilnahme am Song Contest 2017 nun endlich auch offiziell abgesagt. Als ob die Russen jemals die Absicht gehabt hätten …

Seit nach dem Sieg der Ukraine im Jahr 2016 fest steht, daß der Song Contest zum zweiten Mal in seiner Geschichte in Kiew stattfinden wird, wird ja heftigst über die Teilnahme oder Nichtteilnahme Russlands spekuliert. Die russische Delegation in ein Land reisen zu lassen, mit dem sich Putin de facto im Krieg befindet, ist schließlich nicht ganz unproblematisch. Überraschenderweise hat dann zwar der verantwortliche russische Sender einen Song eingereicht, gleichzeitig aber auffälliges Desinteresse an den üblichen administrativen Vorbereitungsarbeiten gezeigt. Für die übliche Erstinspektion der Veranstaltungshalle zum Beispiel, an der alle Länder teilnehmen, wurden nicht einmal Hotelzimmer gebucht.

Bald war klar, worauf Putin abzielt: In Kenntnis der ukrainischen Rechtslage hat man für den russischen Beitrag nach längerer Suche eine Sängerin gefunden, über die die Ukraine ein Einreiseverbot verhängt hat. Extrem schlau ausgedacht! Wieder einmal ist Russland das arme Opfer böser westlicher (bzw. Ukrainischer) Boykottmaßnahmen. Sooo gerne wär man dabei gewesen … aber es geht halt nicht.

Ganz so übel ist der Rückzug der Russen nicht: Nicht nur gibt es eine unerträgliche Schmalzballade weniger im heurigen Bewerb, es wurde damit auch ein ernstes Sicherheitsriskio ausgeschaltet. Ausgerechnet in Kiew für die Unversehrtheit der russischen Delegation zu garantieren, wäre für die ukrainischen Behörden ein hartes Stück Arbeit geworden - wenn sie es denn überhaupt gewollt hätten. Auch da kann man sich ja nicht so sicher sein.


Türkisch gegrillt

Ali Ocakbaşı heißt das türkische Restaurant, das Ende 2016 an der Ecke Operngasse/Elisabethstraße eröffnet hat und seither als „bester Türke Wiens“ in den siebten Himmel gelobt wird.

Das mit dem „besten Türken“ wär jetzt nicht gar so schwer in einer Stadt, in der sich türkisches Essen (mit wenigen Ausnahmen) in Lieferservices und Dönerbuden erschöpft. (Und bevor mir jetzt jemand mit dem Kent kommt: Das hat ja auch so seine guten und seine schlechten Tage.)

Das Lokal entpuppt sich als geschickte Mischung türkischer Grillgerichte mit einigen Zugeständnissen an die mitteleuropäische Erwartung. Wer zwischen Pide, Şaşlık und Lammkebap nicht fündig wird, kann auch den eher nordeuropäischen als türkischen Lachs oder einen klassischen Rindslungenbraten bestellen. Serviert wird trotzdem vom Grill und mit Beilagen, die das Essen zumindest türkisch aussehen lassen. :)

Geschmeckt hats tatsächlich großartig. Auch wenn ich nicht zu den Menschen gehöre, die sich von Magazinen sagen lassen, was sie denken und tun sollen: Diesmal hatten die bezahlten Trendschreiberlinge nicht Unrecht. Die reiche Auswahl an Vorspeisen, das raffiniert gewürzte Hauptgericht, die wunderbaren Desserts … Doch, das hatte was. Daß man hinten im Lokal den offenen Grill im Blick hat, trägt natürlich auch zur Appetitsteigerung bei.

Und nachdem ich jetzt das Lokal über den grünen Klee gelobt hab: Zum Essen waren wir ja eigentlich nicht dort. Es war wieder mal Zeit für einen Gegeneinladung an Frau Ö. (endlich wieder in Ö.) und Herrn E., der Abend hatte also einen mehr sozialen als hungerstillenden Zweck. Und auch da hat es sich ausgezahlt, obwohls einen Großteil der Zeit drum ging, wie man mich am besten „unterbringt“ - die Operation Bastkörbchen also. (Spätestens wie dabei dann die Katzen mit ins Spiel kamen, wars zu viel und das Lachen schlug in Kieferschmerzen um. *gg*)

Getroffen haben wir uns um halb acht. Das Restaurant schließt und 23:00 Uhr. Um 00:40 Uhr sind wir als die letzten Gäste endlich abgezogen. Dürft also doch ein halbwegs netter Abend gewesen sein. :)

PS: Ach ja, und endlich wurde mal mein Türkisch gelobt. War ja hoch an der Zeit, Himmel noch eins! :)


Schokoeis: Check

Auch das für die Saisoneröffnung auf der Mariahilferstraße zwingend notwendige Schokoeis hab ich mir heut geholt. Mit Schlagobers und Schokosauce.

Der Weg dahin war allerdings steinig. Erstens herrschte in der Fußgängerzone ein Gedränge und Geschiebe, daß stellenweise kein Weiterkommen war. (Wir erinnern uns: „Niemand wird je in der Mitte der Straße gehen.“) Das war ja noch eher spannend-abenteuerlich als ärgerlich. Der vielen Leut wegen geht man ja schließlich hin.

Nicht ganz so cool fanden wir, daß die Menschen vor dem Schanigarten des von uns angepeilten Eissalons bereits in Schlangen anstanden und warteten. Wobei: Nein, genau das taten sie eben nicht. Es stehen dort Leute in kleinen Gruppen rund um den Schanigarten und bemühen sich, möglichst unauffällig möglichst nirgendwohin zu schauen. Sobald eine Kellnerin an einem Tisch ihr Geldbörsl zückt, rücken diese Gruppen näher und näher zu den bald freiwerden Plätzen, um dann blitzschnell zuzuschlagen, kaum daß der erste Gast sich von seinem Sessel erhebt.

Es blieb uns wenig anderes übrig, als diese entwürdigende Variante der „Reise nach Jerusalem“ mitzuspielen. Allerdings spielten wir falsch und hatten neben dem Schanigarten des Eissalons auch den des gegenüberliegenden Hotel Kummer im Auge. Dort steht ein Schnösel mit Beanie steht auf und ich reiß ihm fast seinen Stuhl aus der Hand, um bloß keinem anderen eine Chance zu geben. Meins!

Ausgezahlt hat es sich jedenfalls: Auch im Hotel Kummer gibts Eis, und auch im Hotel Kummer sitzt man erste Reihe fußfrei vor dem lustigsten Getümmel, das Wien zu bieten hat. Wir sehen manche unserer Freunde in 15 Jahren, besixpackte Radfahrer mit oben nur einem Rucksack, ein seltsam ernstes Männlein mit Schnauzbart („Rock und Hut stehn ihm gut, ist nicht wohlgemut“), Cem-Kaya-Gedächtnisfrisuren (man trägt sie jetzt doppelt so hoch) und offenbar selbst designte T-Shirts, die ich der Verkäuferin noch am selben Tag zurückbringen würde. Alte Männer tragen dem Kalender entsprechend schwere, schwarze Wintermäntel, die gençler dem Wetter entsprechend (sonnig, wolkenlos, 24°) kurze Hosen und irgendwas mit ohne Ärmel. (Ich frag mich grad jetzt, während ich das tippe: Meine dicke Winterjacke hab ich erst gestern abgelegt, und „kurz“ werd ich bis zum Urlaub sicher nicht mehr unterwegs sein. In welche Kategorie falle ich also? *gg*)

Man vergißt die Zeit, schaut schmunzelnd auf den sich verbeischiebenden Strom von Menschen und läßt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Irgendwann haben wir uns dann einen Ruck gegeben und sind wieder heim: Es gibt heute noch was zu tun.


Mariahilfer Straße eröffnet

Die Saison ist eröffnet: Den ersten „heurigen“ Eistee (Pfirsich, eh klar) auf der Mariahilfer Straße hab ich am 31.3. um 17:00 im Schanigarten des Hotel Kummer bestellt. Leut schaun, bei süßen Boxerhundsis „Maaah!“ fiepen (auch der Herr B., obwohl der, glaub ich, eher das Frauerl angschaut hat dabei), die Live-Musik genießen (die Herrschaften kamen dann zum Münzensammeln durch: „Hier sind zwei Euro - aber nur, wenn Sie weiterspielen, verstanden?“), den langweiligen jungen Karrieremenschen am Nebentisch mit aus heutiger Sicht bizarren Beziehungskonzepten aus den 1980ern die Schamesröte ins Gesicht treiben … Schön isses! Vielleicht gönn ich mir das am Samstag nochmal mit Schokoeis statt Eistee. ;)


ESC 2017: Skandale und Wettquoten

Francesco Gabbani Endlich gehts los: Der Song Contest 2017 hat seinen lange ersehnten ersten großen Skandal. Dramaturgisch zwingend sind die involvierten Parteien das Gastgeberland Ukraine und Putins Russenreich. Russland hatte im Vorfeld eine Absage seiner Teilnahme in der verfeindeten Ukraine in Aussicht gestellt, dann aber überraschend ein blondes Engerl mit dem Markenkern „so arm“ präsentiert. Julia Samoylova hat wunderschönes blondes Haar, sitzt im Rollstuhl und tut sich beim Singen schwer, weil sie lispelt. Die erste Reaktion der ESC-Fachpresse war: „Ah, raffiniert! So wird verhindert, daß beim Auftritt der Russen in der Halle Unmutsäußerungen zu hören sind.“ Weit gefehlt, der Plan des Kremls war noch viel raffinierter:

In der Ukraine gibt es ein Gesetz, das die Einreise auf die Halbinsel Krim über russisches Territorium verbietet. Wer das tut, wird mit einem mehrjährigen Einreiseverbot für die ganze Ukraine belegt. Und natürlich hat das russische Fernsehen (in Kenntnis der ukrainischen Rechtslage) mit Julia Samoylova ganz zufällig eine Sängerin gefunden, die nicht nur gegen dieses, sondern auch noch gegen andere ukrainische Gesetze verstoßen hat. (Irgendwas mit Steuern. Schmutzige Sache.)

Erwartbares Resultat: Das zwingende Einreiseverbot für die russische Teilnehmerin wurde jetzt ausgesprochen, der Boulevard in ganz Europa sieht sie als armes Opfer der bösen Ukraine … und Putin, der eh nicht teilnehmen wollte, klatscht sich erfreut in die Hände. Er hat den schwarzen Peter elegant weitergegeben.

(Leider spuckt ihm jetzt die EBU in die Suppe und bietet an, zum ersten Mal in der Geschichte des ESC einen Auftritt per Liveübertragung aus dem Herkunftsland zu erlauben. Mal sehen, wie die Russen aus der Nummer rauskommen.)

Egal: Der Skandal kocht und zieht weitere Kreise. Angeblich hatte nämlich auch Artsvik aus Armenien einen Auftritt auf der Krim und ist via Russland eingereist. Die Ukraine prüft.

Auf die Wettquoten wirken sich diese Intrigen (noch) nicht aus. Russen und Armenier sind bei den Buchmachern unter den Top 10 zu finden, genauso wie meine Lieblinge Italien, Portugal und Frankreich.

Rang Land Song
    Interpret  
1 Italien Occidentali's Karma
    Francesco Gabbani  
    (Ein hinreißendes Schlitzohr mit einem Affen, eine Melodie in der richtigen Balance zwischen „Ohrwurm“ und „nicht zu langweilig“, ein schlauer Text und eine Choreographie, die auch ich mitmachen kann. (Und: Keine Ballade!))  
2 Bulgarien Beautiful Mess
    Kristian Kostov  
    (Radiotaugliche Ballade mit sympathischen Ethnosprenkeln.)  
3 Schweden I Can't Go On
    Robin Bengtsson  
    (Seelenlos konstruierte, äußerst professionelle Nummer. Passend seelenloser, äußerst unsympathischer Sänger.)  
4 Belgien City Lights
    Blanche  
    (Zeitgemäßer, charttauglicher Song, der aber leider irgendwo auf halber Strecke hängenbleibt.)  
5 Portugal Amar Pelos Dois
    Salvador Sobral  
    (Nach vielen Jahren endlich wieder Wunderschönes aus dem ansonsten fadogebeutelten Land. Ein naives Märchen zwischen Disney und Audrey Hepburn.)  
6 Australien Don't Come Easy
    Isaiah  
    (Ganz OK. Wenn man Balladen mag. Oder Stimmakrobatik.)  
7 Russland Flame is Burning
    Julia Samoylova  
    (Wozu etwas über den Song (eine getragene Ballade) sagen? Eine lispelnde Blondine im Rollstuhl singt von Hoffnung!)  
8 Aserbaidschan Skeletons
    Dihaj  
    (Da fehlt mir dann doch die Melodie.)  
9 Armenien Fly With Me
    Artsvik  
    (Fesselt von der ersten Sekunde an.)  
10 Frankreich Requiem
    Alma  
    (La France, je t'embrasse, je te dis que je t'aime … von der ersten Minute an ein Ohrwurm.)  

Der Vollständigkeit halber: Österreich liegt auf Platz 35 von 43, eine Qualifikation fürs Finale erscheint aus heutiger Sicht nicht unbedingt zwingend.


Bu Aşk Burada Biter

So. Weit hammas bracht. Jetzt interpretiere ich moderne türkische Lyrik. Was nie meine Absicht war! (Aber dieses Gedicht ist wirklich schön. Schön traurig.)

Angefangen hat die Sache so: Herr B. hat mir ein Konzert von Jehan Barbur in Wien empfohlen. Die gebürtige Libanesin ist in der Türkei aufgewachsen und hat dort ihre musikalische Karriere begründet. B. meinte sinngemäß: Sie singt sehr langsame, melancholische Balladen mit wenigen Instrumenten als Begleitung, die Textverständlichkeit ist daher vergleichsweise gut.

Sicherheitshalber hab ich mir ein paar ihrer Songs auf YouTube angesehen und festgestellt: Für mich ist das ein bisserle gar melancholisch. Des dapack ich keinen ganzen Abend lang. Ein Lied allerdings war dabei, das mir ganz im Gegenteil sehr gefallen hat: Bu Aşk Burada Biter, gesungen im Duett mit Tuna Kiremitçi. Vom Text hab ich zunächst nur Fragmente verstanden, aber alles deutete auf das Ende einer Liebesbeziehung hin, bei dem sich beide Partner stolz und selbstbewußt voneinander verabschieden: Bu aşk burada biter - „Diese Liebe ist hier zu Ende“.

Einige Versionen des Liedes später (die von mir zuerst gefundene Aufnahme war eine jüngere Coverversion) hatte ich zwei Dinge herausgefunden:

Erstens: Von Liebesschnulze keine Spur. Der Text ist dichterisch unscharf, aber die Zeilen mit dem Revolver in der Tasche, den verblassenden Soldaten und Kindern im Fotoalbum, dem erlöschenden Gesicht („Wie schön du warst!“) und den toten Dichtern sind dann doch sehr untypisch für das „Boy meets girl, boy loses girl, boy misses girl“-Genre. In dem Text stecken mehr Tod und Leid als Liebeskummer.

Zweitens: Eigentlich ist es auch nicht in erster Linie irgendein dahergelaufener Pop-Song, sondern die Vertonung eines Gedichtes von Ataol Behramoğlu aus dem Jahr 1965. Und angeblich, so sagen mir meine Quellen übereinstimmend, gehört dieses Gedicht zu den bekannteren Werken der jüngeren türkischen Dichtung. Ich habe also, ohne danach zu suchen und ohne es zu wissen, einen literarischen Schatz gehoben.

Blöd gelaufen, weil: Wenn man dann so ein Ding in Händen hält, will mans natürlich auch verstehen. Und Gedichte gehören nun mal nicht zu den einfachsten Texten. Überraschenderweise hab ichs aber (natürlich mit Wörterbucheinsatz) tatsächlich fast geschafft. Nur bei zwei Zeilen hab ich dankend Hilfe angenommen. :)

Und als Schulterklopf und damit ich immer wieder laut mitsingen kann (am besten die Version von Haluk Levent) hier mein erster poetischer Übersetzungsversuch - natürlich nicht geverst und gereimt im Deutschen, wir wollens ja nicht gleich übertreiben:

Bu aşk burada biter ve ben çekip giderim
Yüreğimde bir çocuk cebimde bir revolver
Bu aşk burada biter iyi günler sevgilim
Ve ben çekip giderim bir nehir akıp gider

Diese Liebe endet hier und ich mach mich davon / In meinem Herzen ein Kind, in meiner Tasche ein Revolver / Diese Liebe endet hier, einen schönen Tag mein Schatz / Und ich mach mich davon, ein Strom fließt dahin

Bir hatıradır şimdi dalgın uyuyan şehir
Solarken albümlerde çocuklar ve askerler
Yüzün bir kır çiçeği gibi usulca söner
Uyku ve unutkanlık gittikçe derinleşir

Eine Erinnerung ist die selbstvergessene, schlafende Stadt / Während im Album die Kinder und Soldaten verblassen / Erlischt dein Gesicht still wie eine Wildblume / Der Schlaf und das Vergessen werden tiefer und tiefer

Yan yana uzanırdık ve ıslaktı çimenler
Ne kadar güzeldin sen! Nasıl eşsiz bir yazdı!
Bunu anlattılar hep, yani yiten bir aşkı
Geçerek bu dünyadan bütün ölü şairler

Nebeneinander sind wir wach gelegen, nass war das Gras / Wie schön du warst! Was für ein einzigartiger Sommer es war! / Davon erzählten sie immer, von der verlorenen Liebe / Alle toten Dichter, wie sie diese Welt verlassen haben

Bu aşk burada biter ve ben çekip giderim
Yüreğimde bir çocuk cebimde bir revolver
Bu aşk burada biter iyi günler sevgilim
Ve ben çekip giderim bir nehir akıp gider

Nebensätze! Harika!

Ich glaub, ich hab heute zum ersten Mal einfach so ausm Bauch heraus einen Relativsatz mit dem Partizip auf -diği (und dem dazu passenden Genitiv-„Subjekt“) gebildet. Yaşasın!

Der Satz war simpel. Soweit ich mich erinnere lautete er Helikopterin dediğini anlamadım. („Ich habe nicht verstanden, was der Helikopter gesagt hat.“) Das mag nicht aufregend klingen, ist für mich aber, wie Muddi zu sagen pflecht, #neuland. Wörtlich muß man da nämlich denken: „Des Helikopters sein sagend(es) verstanden nicht ich habe.“

Wie die Kleinschreibung und die Klammer bei „sagend(es)“ andeuten: Nicht mal unter größter Mißhandlung meiner Muttersprache kann ich im Deutschen so denken. Dediğindi ist ein Partizip (das haben wir auch so circa: „sagend“), das mit einer Possessivendung versehen wird (das geht im Deutschen schon nicht mehr: Ich kann sagen „mein Zimmer“, aber nicht „mein sagend“) und das man schließlich per Kasusendung (in diesem Fall: Akkusativ) substantiviert und zum Objekt des Hauptverbs macht (spätestens damit sind alle Brücken zum Deutschen abgebrochen).

Daß der Helikopter, der etwas sagt, im zweiten Fall zu stehen hat, ist nur mehr der Zuckerguß drauf: Man sagt also nicht wie bei uns „… was der Helikopter sagt“, sondern eben „… des Helikopters sein sagendes“.

Türken reden ununterbrochen so. Erschwerend kommt hinzu: Sie packen alle diese verrückten Partizipkonstruktionen vor den eigentlichen Hauptsatz, und zwar gern mehrere hintereinander. (Die Entsprechung zum deutschen Schachtelsatz.) Man erfährt also alle Zusatzinformationen aus dem Relativsatz ohne zu wissen, worums nachher eigentlich gehen wird.

Falls sich übrigens jemand wundert, warum der Helikopter überhaupt was sagt: Guckstu diesen Film hier. :)